Die Welt ist kein Schachbrett.

Die Welt ist kein Schachbrett

Am 4.2.2012 findet in München die NATO-Sicherheitskonferenz statt. Ein Anlass zum Protest. Aber halt! Gegen oder für wen oder was wollen wir an diesem Tag überhaupt demonstrieren? Sind es „Reiche“, „Banken“ und „Konzerne“, die uns hier in unserem Recht auf demokratische Mitwirkung an Entscheidungsprozessen beschneiden? Ist es die NATO, die in geheimen Zirkeln Entscheidungen zu unser aller Schaden trifft? Ist hier das Böse und Verkommene der Welt angetreten, um Mord und Totschlag an unschuldigen „Völkern“ zu planen? Und kann uns völkisches Denken in unserem Kampf für Frieden und Gleichheit auf dieser Welt wirklich weiterbringen? Sollte man also die „Völker der Welt“ als legitime Zusammenschlüsse akzeptieren und jede Einmischung in ihr „Recht auf Selbstbestimmung“ als Verbrechen werten? War die Intervention der westlichen Staaten wie zum Beispiel in Libyen ein „Verbrechen an der Zivilbevölkerung“ und hat die Lage drastisch verschlimmert? Welche Rolle spielen Rassismus, Sexismus, Homophobie und Heteronormativität als Unterdrückungsmechanismen? Und ist der Iran ein Bollwerk gegen diesen unbändigen Imperialismus oder doch eher eine autoritär islamistisches Regime, dessen Einwohner*innen Wohlstand und Freiheit einfordern und Gewalt und Folter bekommen? Sind manche Staaten „böse“, andere „gut“? Ist die Welt ein Selbstbedienungsladen für verkommene westliche Kriegsbündnisse? Und wer ist eigentlich Mahmut Ahmadinedschad? Fragen über Fragen.
Sicher ist Eines: Im Rahmen der Sicherheitskonferenz werden an jeglicher parlamentarischer oder sonst wie gearteter Kontrolle vorbei, unter Ausschluss der Öffentlichkeit „sicherheitspolitische“ Fragen erörtert. Diskurse und Entscheidungsprozesse finden hier hinter geschlossenen Türen statt. In einem Staat, der sich demokratisch nennt, ist eine derartig undemokratische Veranstaltung nicht akzeptabel. Außerdem ist der Einfluss von ebenfalls teilnehmenden Rüstungskonzernen und -lobbyist*innen kritisch zu sehen, da eine Intervention wirtschaflticher-militäristischer Interessen, die Politik noch zusätzlich beeinflusst. Mit massivem Polizeiaufgebot wird diese Zusammenkunft auch noch hermetisch abgeriegelt und verstärkt den Eindruck einer politischen Kultur, die mit gesellschaftlichem Konsens nichts zu tun hat. Dies dürfte auch einer der Gründe sein warum die „Sicherheitskonferenz“ in ihrer Rolle für die Internationale Diplomatie so überbewertet wird. Doch all dies sind nicht die dunklen Pläne einer Verschwörung der Mächtigen, sondern Symptome des Systems Kapitalismus.

Wer ist eigentlich dieser Kapitalismus?

In diesem System stellt die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen nicht das Hauptinteresse dar, sondern ist nur Mittel zum Zweck. Das heißt, es wird nicht produziert, weil Menschen Hunger leiden, sondern damit Waren profitorientiert verkauft werden können. Wer aber nicht über das Geld verfügt, um die eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können, bleibt auf der Strecke. Damit nun auf dem Markt die Waren ausgetauscht werden können, wird die Ware auf eine Eigenschaft reduziert: die menschliche Arbeit die für die Produktion aufgewendet wurde, die sich wiederum am gesellschaftlichen Durchschnitt messen muss. Diese Logik führt zur Ausbildung von zwei sich unwiderruflich gegenüberstehenden Klasseninteressen: Die der Produktionsmittelbesitzenden und die der doppelt freien Lohnarbeiter. Doppelt frei bedeutet einerseits frei von einem direktem Herrschaftsverhältnis und andererseits frei von Produktionsmitteln. Deshalb sind die Lohnarbeiter*innen gezwungen ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Dafür erhalten sie nicht den vollen Wert ihrer Arbeit, sondern lediglich das, was für die Reproduktion der Arbeitskraft als angemessen erscheint. Was darunter verstanden wird, ist von den Rahmenbedingungen abhängig. So ist das Ziel einer westlichen Arbeiter*in möglicherweise ein Auto, eine Reise oder ähnliches finanzieren zu können, während eine Arbeiter*in in sogenannten “ Entwicklungsländern“ wahrscheinlich am ehesten daran interessiert ist, fundamentalen Bedürfnisse wie zum Beispiel eine Versorgung mit Nahrungsmitteln zu gewährleisten. Bei einer 40-Stunden Woche wird der Wert des Lohnes beispielsweise schon in 25 Stunden erwirtschaftet, die zusätzliche Arbeit erschafft den Mehrwert, der die Grundlage dieser Art des Wirtschaftens ist. Kann das Ziel einer emanzipatorischen Kritik also die Bekämpfung der „Kapitalist*innen“, dh. einzelner Personen sein? Nein, ganz bestimmt nicht !!!Es muss darum gehen, die kapitalistische Logik, die alle Unternehmen zueinander in Konkurrenz stellt und um Marktanteile konkurrieren lässt zu hinterfragen. Dieses Verhältnis zwingt die Unternehmen Stellen zu streichen, miese Löhne zu zahlen, etc. Die Vorstellung, dass – wie in der vorkapitalistischen Gesellschaft – ein direktes Herrschaftsverhältnis zwischen Arbeiter*innen und „Herrschenden“ besteht, ist unkorrekt und verkürzt. Denn der Mehrwert wird nicht zum Vergnügen der Kapitalist*innen verwendet, sondern dient dazu, einzelne Unternehmen konkurrenzfähig zu halten. Es geht nicht darum, der einen Klasse das Geld wegzunehmen und es einer anderen zu schenken, es geht um mehr, nämlich um die Abschaffung der Klassen an sich.

Schluss mit Schwarz-Weiß

Die Kritik der Organisator*innen der Demonstration gegen die Sicherheitskonferenz sieht Krieg ausschließlich als Präsenz von physischer Gewalt im Rahmen eines bewaffneten Konflikts, und nicht als Zuspitzung bereits vorhandener Konflikte. Dieses verheerende Schwarz-Weiß-Denken führt unter anderem dazu, die unabhängig von ihrer Intention notwendige Intervention in Libyen, die zum Schutz der Zivilbevölkerung und der Rebellen beigetragen hat, zu einem Angriffskrieg umzudeuten. Solche Sichtweisen ignorieren die Realität und schaffen Feindbilder, die ideologisch vorgegeben sind. So wird der Westen stets als plumper Aggressor, der seine wirtschaftlichen Interessen gewaltsam durchsetzt, dargestellt. Auf der anderen Seite werden der Iran bzw. Syrien oft als Bollwerke gegen diesen westlichen Imperialismus verklärt, ohne die massiven Menschenrechtsverletzungen zu kritisieren bzw. zu erwähnen.Zu einer verkürzten personalisierenden Kapitalismuskritik gehört immer mindestens struktureller Antisemitismus. Vermischt sich diese „Kritik“ mit völkischen Ideologien, kann schnell offener Antisemitismus entstehen. Dies hat sich bei den Protesten gegen die „Sicherheitskonferenz“ der letzten Jahre immer wieder gezeigt. So ist das Brüllen antisemitischer Parolen wie zum Beispiel „Israel zurück ins Meer!“ durchaus keine Seltenheit mehr. Initiativen, die Kritik hieran üben, werden, wie bei der Mobilisie-rungsveranstaltung 2012 geschehen, als „pseudolinke, bellizistische Gruppen“ relativiert, lächerlich gemacht und eingeschüchtert. Diese offene Feindschaft hört nicht bei verbalen Attacken und Einschüchterung auf, sondern ist bei der Demonstration gegen die Sicherheitskonferenz im Jahr 2011 in körperliche Gewalt ausgeartet. Aktivist*innen, die eine Israelfahne am Rande der Demonstration zeigten, wurden körperlich angegriffen und verletzt. Noch heute brüstet sich eine Gruppe mit diesem Akt der Gewalt und veröffentlichte Bilder eines blutenden Demonstranten im Internet.

Wir positionieren uns gegen jeden Antisemitismus und Antizionismus!

Wir weisen die verkürzte Kapitalismuskritik zurück!

Solidarität mit der Demokratiebewegung im nahen Osten!
Free Iran! Free Palestine from Hamas!

Schluss mit Schwarz-Weiß!!


7 Antworten auf „Die Welt ist kein Schachbrett.“


  1. 1 ich 03. Februar 2012 um 22:20 Uhr

    Endlich sagts mal wer. Sowas traut sich ja sonst keiner auszusprechen.

  2. 2 aa 05. Februar 2012 um 20:48 Uhr

    im ersten moment hat mir der sehr text gefallen. er hat genau das angesprochen was mir jedes jahr bei meinem besuch der siko bauchschmerzen bereitet.
    allerdings die gleichen personen die die flyer verteilten sich dann als nationalisten inszenieren zu sehen und sich dann zynischerweise auch noch „antifaschisten“ zu nennen hat mir genauso einen schock erteilt wie das tragen einer iranischen und öcalan flagge auf der offiziellen demo.
    wer erst intensiv das schwarz-weiß denken vermeintlicher linker (dem antiimp-flügel) vorwirft und selber so geistig retardiert ist und dem als protest nationalflaggen von kriegstreibern entgegen zuhalten ist schwarz-weiß denken par exellence.
    peinlich auch euch 15 leute auf dem bürgersteig zu sehen und sich nen verbalen parolenrufwettbewerb mit ein paar jungen arabischen genossinnen zu sehen. wenn eure antwort auf deren palästina rufe nur israle-rufe sein können ist das für mich wie ein schachbrett.
    dem strukturellen antisemitismus der anti-siko-demo mit nationalismus zu antworten ist ebenso reaktionär wie deren standpunkt.
    außerdem ist es ebenso sehr widerlich menschen deren familien durch amerikanische militärs starben ausgerechnet die amerika flagge vor die nase zu halten. während ihr auf dem gesteig rumstandet hielt eine frau aus afghanistan eine rede über die verbrechen der amerikaner. dafür hätten diesmal auch nasen bluten sollen.
    das antiamerikanismus angesprochen werden muss heißt nicht die verbrechen der amis zu verleugnen und sogar durch das tragen der stars and stripes zu glorifizieren.
    deshalb bleibt gleich fern ihr idiot*innen.
    gruppen wie euch sollten konsequent isoliert werden, oh sorry, ihr tut das ja schon fleißig selbst.

    für eine aufrichtige israel-solidarität statt eurem bellizistischem nationalismus.

  3. 3 aa 05. Februar 2012 um 20:51 Uhr

    falls ihr mir was ausrichten wollt macht das.
    hab meine mail adresse hinterlegt

  4. 4 Chris 06. Februar 2012 um 9:21 Uhr

    Die Kritik klingt ja ganz logisch, ist nur in weiten Teilen einfach verfehlt. Ich gehe mal nicht auf die Fragen am Anfang ein, weil menschen die pseudokritisch Fragen stellen aber keine Antworten ausformulieren mich langweilen.

    Zu den konkreten Punkten: Es wird den OrganisatorInnen der Proteste vorgeworfen sie würden die Krieg auf „Verschwörungen“ zurückführen und nicht auf das kapitalistische System. Dies ist schlicht falsch so sagt der Aufruf klar:

    „Krieg und ein profitorientierter Welthandel zwingen Milliarden Menschen zur Flucht und treiben sie in den Hunger. „Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Unterernährung oder leicht heilbaren Krankheiten. Diese Kinder sterben nicht, sie werden ermordet“ (Jean Ziegler). Sie werden ermordet von einer Weltordnung, die für den Profit über Leichen geht, von einer Wirtschaftsweise, die systematisch die natürlichen Ressourcen plündert und damit die Lebensgrundlagen dieses Planeten ruiniert.“

    Ihr meint auch dass es nicht um Umverteilung zwischen den Klassen sondern um die Abschaffung der Klassen an sich gehen muss. Da stimme ich Euch grundsätzlich zu. Die Frage ist doch wie wir dahin kommen. Das allerdings ist keine Frage von „verkürzter Kapitalismuskritik“ sondern eine taktische Frage von Reform und Revolution. Revolutionen fallen ja nicht vom Himmel sondern müssen erkämpft werden und den ganzen Tag für ein „ganz anderes Ganzes“ kämpfen hat meines Wissens nach noch nicht zu einer Revolution geführt.

    Das der Iran und Syrien keine „Bollwerke gegen Imperialismus“ sind ist den meisten im Bündnis klar. So wurde sich auf der Auftaktkundgebung am Stachus klar mit der Syrischen Bevölkerung solidarisiert. Das macht allerdings eine militärische Intervention kein Stück besser.

    Auch das Parolen wie „Israel zurück ins Meer“ keine Seltenheit wären ist schlichtweg gelogen. Diese Parole wurde einmal letztes Jahr von einer Person als Antwort auf eine Provokation gerufen.

    Als bellizistische Gruppen werden Gruppen bezeichnet die z.B. eine militärische Intervention gegen den Iran fordern, wie auch dieses Jahr am Rande der Demo passiert. Ein einfaches „googlen“ dürfte zeigen dass dies keine Relativierung ist.

    Kritik ein Wort das in diesem Text oft vorkommt, Kritik die Ihr offensichtlich nicht üben wollt. Denn jegliche Diskussion zerstört ihr mit dem entwertenden Gebrauch des Begriff Antisemitismus. Entscheidet Euch, entweder die Leute auf der Demo sind „Antisemiten“ dann bekämpft die Demo weil so geht man mit Antisemiten um. Falls es keine sind, dann lasst diesen Unnötigen Kampfbegriff weg und redet (ja es gibt andere Kommunikation als Dinge auf Blogs posten) mit den Menschen die die Proteste organisieren und bringt Eure Kritik ein.

    Fragen wie „Sind manche Staaten „böse“, andere „gut“?“ Habt Ihr ja für Euch schon beantwortet mit Eurem USA- und Israelfahnen Auftritt am Rande der Demo, deshalb ist eh fraglich inwieweit man Euren Text ernst nehmen kann.

  5. 5 kaluha 06. Februar 2012 um 17:19 Uhr

    „Auf der anderen Seite werden der Iran bzw. Syrien oft als Bollwerke gegen diesen westlichen Imperialismus verklärt, ohne die massiven Menschenrechtsverletzungen zu kritisieren bzw. zu erwähnen.“ Ich habe noch nie einen linken Text gelesen in dem so etwas behauptet wird, zumindest über diese beiden Staaten. Woher nehmt ihr das?

    „Zu einer verkürzten personalisierenden Kapitalismuskritik gehört immer mindestens struktureller Antisemitismus.“ Warum?

    Im gesamten sehr schön euer Text. Euren Aktionismus kann ich aber nicht nachvollziehen. Auch wenn es Schwachsinn ist die USA als Weltaggressor darzustellen, ist es trotzdem korrekt dass wirtschaftliche Interventionen oft mit brutalen Mitteln, wie eben in Afghanistan, durchgesetzt werden. Wenn dann Menschen auf der SiKo über solche Verbrechen berichten ist es doch unangebracht mit USA Fahnen rumzuwedeln. Weder finden diese Demonstranten die Taliban gut noch sind sie alle (aber manche leider schon) Anhänger von völkischem Denken. Bitte berücksichtigt das und steckt nicht alle in diese Antiimp Schublade.

  6. 6 aus dem Ruhestand 12. Februar 2012 um 18:26 Uhr

    Hört auf zu studieren und fangt an zu begreifen!

    Skizze zum Text “Die Welt ist kein Schachbrett”

    Das Ansinnen, mit einem ideologiekritischern Flugblatt zum alljährlichen Schauerchor der Friedensbewegten ein paar dissonante Töne beizutragen mag löblich erscheinen, sogar notwendig. Indes, wenn Kritik zum puren Jargon verkommt zeigt sich auf ein Neues: Ein halbe Kritik ist oftmals weniger als garkeine. Nun gilt es, diese Karikatur antideutscher Kritik einer Röntgenanalyse zu unterziehen, auf dass den Verfassern vielleicht die Erkenntnis auf den Kopf fällt. weiterlesen

  7. 7 Jedi 14. Februar 2012 um 10:48 Uhr

    Klar, dass die linkslinke Mainstreampresse tobt. Die Wahrheit lässt sich aber nicht unterdrücken!

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